
Wie kein zweites bernisches Bauwerk stand früher der Zeitglockenturm -
oder der Zytglogge, wie man ihn seit altersher kurz nannte - im
Mittelpunkt der Stadt Bern. Er war in jeder Beziehung das massgebende
Gebäude Berns: seine Turmuhr war die Hauptuhr der Stadt, nach der sich
alle andern zu richten hatten, längst bevor es eine Bahnzeit oder
Radiozeit gab. Vom Zeitglockenturm aus wurden die Wegstunden gemessen,
und auf ihn beziehen sich die Stundensteine an den Kantonsstrassen. In
seinem Tordurchgang sind die Längenmasse, früher Elle und Klafter,
heute noch Meter und Doppelmeter, als Urmasse zur öffentlichen
Kontrolle und als Vorbilder angebracht.
Der Zeitglockenturm stand gleichsam mitten unter dem Volke. Weder das
Rathaus noch das Münster waren in ähnlicher Weise im Mittelpunkt des
öffentlichen Geschehens. Sie hielten sich vielmehr in einer gewissen
respektheischenden, vornehmen Distanziertheit, während der Zytglogge
täglich und stündlich zum Volke sprach.
Vor der Einführung mechanischer Räderuhren richteten sich die Menschen nach den Temporalstunden, einer Zwölfer-Teilung des lichten Tages. Auch Kirchen und Klöster ordneten ihre Gebetszeiten nach den Temporalstunden. Die Länge der Stunden veränderte sich jedoch im Laufe des Jahres. Im Sommer waren sie lang, im Winter kurz. Das Zählsystem war kompliziert und nur sehr mühsam zu handhaben.
Mit der Einführung mechanischer Räderuhren und insbesondere der Schlagwerke im 14. und frühen 15. Jahrhundert, setzten sich die modernen, gleichlangen Stunden immer mehr durch. Die alten Temporalstunden und die darauf beruhenden liturgischen Gebetszeiten hatten bald ausgedient. Die Zytglogge teilte fortan den Tag in 24 gleichlange Stunden und bestimmte das Leben der Bürger. Behörden, Handel und Privatpersonen richteten ihre Beschäftigungen bald nur noch nach den Schlägen der Stundenglocke. Eine einschneidende gesellschaftliche Erneuerung, die einer Revolution gleich kam, verdrängte den ruhigen Rhythmus des natürlichen Tagesablaufs.
Ihre Funktion zusammen mit dem Namen des Erbauers und dem Gussjahr teilt uns die 1400 kg schwere Glocke in ihrem Schriftband gleich selbst mit:
anno d[omi]ni mccccv mense octobris fusa sum a ma[gi]stro ioh[ann]e d[i]c[t]o reber de arow sum vas et cer[a] cunctus nuntio vere diei horas. (Im Jahre 1405 im Monat Oktober wurde ich von Meister Johannes genannt Reber aus Aarau gegossen. Ich bin Gefäss und Wachs (?) ...und allen verkünde ich die wahren Stunden des Tages).