Vom Wehrturm zum Uhrturm

Zum Schutz der Bevölkerung gegen den burgundischen Adel und zur Stärkung der Macht in seinem Herrschaftsgebiet gründete Herzog Berchtold V. von Zähringen 1191 auf einer erhöhten, sicheren Flusshalbinsel die Stadt Bern. Auf drei Seiten war die Stadt von Anfang an durch die Aare geschützt. Einzig gegen Westen war sie offen zugänglich. Eine künstliche Befestigungsanlage mit Graben, Ringmauer und Ausfalltor war daher unumgänglich. Zwei markante seitliche Geländeeinschnitte auf der Höhe des heutigen Theater- und Kornhausplatzes eigneten sich dazu ausgezeichnet. Um ca. 1220 war die Anlage mit dem Wehrturm und Stadttor errichtet.

Im Verlaufe der ersten Jahrzehnte sind «gar vil lüten» in die Stadt gezogen, wie Conrad Justinger in seiner Chronik schreibt. Dies veranlasste die Obrigkeit, das Stadtgebiet zu erweitern und 1255 auf der Höhe des heutigen Käfigturms eine zweite Wehranlage zu bauen. Als rückwärtiger Wehrturm wurde das ursprüngliche Stadttor um etwa 7 m erhöht, damit die Sicht über die neu entstandenen Häuser frei wurde.
Das anhaltende Bevölkerungswachstum führte nach 1344 zu einer dritten Stadterweiterung bis zum damaligen Christoffelturm. Der alte Wehrturm stand plötzlich mitten in der Stadt und büsste seine Wehrfunktion endgültig ein – er wurde zur Kebie, dem Gefängnisturm.

Am 14. Mai 1405 geschah die grosse Katastrophe: Ein verheerendes Feuer, das in der untern Brunngasse ausbrach, verbreitete sich, genährt durch eine starke Bise, rasch stadtaufwärts und legte den grössten Teil der Stadt in Schutt und Asche. Die Trauer und Resignation dauerte nur kurze Zeit. Bern sah im Unglück die grosse Chance zum Neubeginn. Mit vereinten Kräften und der Hilfe umliegender Städte packten sie den Wiederaufbau an.

Eines der ersten Gebäude, das wieder errichtet wurde war erstaunlicherweise der Turm, der vorher als Gefängnis diente. Diesmal erhielt er allerdings eine neue Funktion: Er wurde zum zentralen Uhrturm. Bereits im Oktober 1405 war die dazu bestimmte Glocke gegossen. Sie sollte fortan, zusammen mit einem Uhr- und Schlagwerk, dem Turm den neuen Namen geben: Zytglogge.

Damit entstand an prominentester Stelle innerhalb des Stadtbildes ein Uhrturm, der den Leuten die neue Zeit verkünden sollte. Wie in andern Städten, verkörperte er auch in Bern kommunales Selbstbewusstsein und Macht.